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Erfahrungsbericht

Freiwilligendienst in Ghana

Mein Name ist Tom Villing und ich komme aus Stuttgart. Ich bin nun 20 Jahre alt und lebe zurzeit aufgrund meines Studiums in Bamberg. Von Januar bis April 2008 war ich mit Global Volunteers in Ghana und will ein wenig davon berichten.

Damit das Ganze überhaupt stattfinden konnte, muss ich mich zu allererst bei Global Volunteers bedanken, die meine doch eher kurzfristige Anfrage mit ihrer Flexibilität erst ermöglicht haben, nachdem andere Organisationen strikt an ihren 3 Monaten Vorausplanungszeit festhielten.

Eingeschrieben hatte ich mich für das Projekt oder für die Arbeit im Waisenhaus nahe Accra, der Hauptstadt von Ghana.

Nachdem hier in Deutschland alles doch sehr schnell und auch einfach funktionierte - Visumsantrag, Reisepass anfordern, Impfungen und dergleichen reibungslos über die Bühne gingen - war es für mich am 5. Januar dann soweit. Von Frankfurt aus flog ich nach Accra. Am Flughafen gab es keinerlei Probleme (sie stempelten mir mein Visum nur für 60 Tage ab, was scheinbar der Standard für längere Aufenthalte zu sein scheint, aber man kann sein Visum zu jeder Zeit im Immigration Office in Accra problemlos verlängern) und meine Gastfamilie stand auch schon bereit, um mich in Empfang zu nehmen.

Der erste Eindruck war natürlich überwältigend. Die Hitze ist ungewohnt, die vielen (lauten) Leute sind verwirrend und hinzu kommt ein Englisch, das anfangs nicht ganz einfach zu verstehen ist (man gewöhnt sich aber sehr schnell daran). In meinem neuen Zuhause angekommen, warteten schon 2 weitere Freiwillige auf mich. Das Essen stand auch schon bereit und so fühlte ich mich von Anfang an willkommen und gut versorgt.

Dass man im Bezug auf Luxus und häuslichen Standard in Ghana auf manches verzichten muss, sollte selbstverständlich sein und auch jedem Freiwilligen in seiner Erwartungshaltung bewusst sein. Die Toiletten muss man entweder mit einem Eimer Wasser spülen oder man hat ein „Plumpsklo“, das Duschen besteht aus einem Eimer Wasser pro Tag und auf den Strom kann man sich auch nicht immer verlassen. Das Essen hat mir persönlich sehr gut geschmeckt, ich konnte aber bei anderen Freiwilligen beobachten, dass sie ihre Probleme mit dem nicht immer abwechslungsreichen Essen hatten. Anfangs versuchen sie europäisch zu kochen, damit die Freiwilligen keine Anpassungs-Probleme haben und nach und nach bekommt man dann auch afrikanisches Essen, was meiner Meinung nach sehr, sehr lecker ist.

Meine Gastfamilie war sehr herzlich und offen und hat immer gut für mich gesorgt. Man muss bzw. darf sich nicht scheuen, Fragen zu stellen oder auch mal zu sagen, dass manche Speisen seltener gekocht werden könnten. Ganz im Gegenteil: Sie sind jederzeit erpicht auf Feedback und wissen Ehrlichkeit sehr zu schätzen.

Gleich am nächsten Tag wurde ich mit meiner Umgebung vertraut gemacht und über die afrikanische Kultur und gewisse Verhaltensnormen aufgeklärt. Man hat immer eine Menge Leute um sich herum, die alle in irgendeiner Weise für die Freiwilligen verantwortlich sind, sodass man zu jeder Zeit jemanden um sich hat, der einem helfen kann, dem man Fragen stellen kann oder mit dem man sich einfach über alles Mögliche unterhalten kann. Anfangs ist es natürlich sehr schwierig, sich die ganzen Namen zu merken, aber das gibt sich mit der Zeit. Man ist von Anfang an ein Teil der Familie und wird auch so behandelt, was das Einleben natürlich sehr erleichtert.

Die erste Woche nahm ich an einem Sprachkurs teil, in dem man die Grundkenntnisse einer afrikanischen Sprache erlernt, wobei man bei der Anwendung doch an seine Grenzen stößt, da es allein in Ghana sehr viele verschiedene Stammessprachen gibt und gerade in der Hauptstadt eine sehr große Vielfalt an Sprachen vorherrscht. Grundsätzliche Dinge oder Redewendungen wie z.B. „Was kostet das?“ aber versteht jeder, egal ob in Twi, Ewe, Ga oder einer anderen Stammes-/Regionalsprache. Am Ende dieser Woche stand noch das Kultur-Programm an. Es waren sehr schöne Ausflüge und man lernt dadurch sehr viel über das Land und kommt noch intensiver in den Kontakt mit Menschen. Als Weißer ist man konstant eine Attraktion, man steht also zu jeder Zeit im Mittelpunkt. So gut wie jedes Kind ruft einem „Obroni“ („Weißer“) hinterher, sie wollen einen anfassen und einen kennenlernen. Ist eine schöne Erfahrung so herzlich aufgenommen zu werden, kann natürlich aber auch mit der Zeit ein wenig nervig sein. Man kann nicht einfach mal aus dem Haus ohne beachtet zu werden. Feindseligkeiten gibt es aber so gut wie gar nicht, die meisten Ghanaer werden ihrem Ruf als gastfreundlich und hilfsbereit mehr als nur gerecht. Bei manchen Menschen (vor allem in der Hauptstadt) muss man ein wenig vorsichtig sein, da die weiße Hautfarbe gleichgesetzt zu werden scheint mit Reichtum und somit viele nach Geld, einem Drink oder Adressen für ein Visum fragen. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass Geduld und Toleranz gemischt mit Direktheit und Bestimmtheit die meisten dieser Probleme lösen. Man darf so etwas nie persönlich nehmen und muss auch ihre Lage verstehen, was hilft, weiterhin bei jedem Straßenverkäufer tolerant zu sein. Es ist aber auch wirklich nicht die Regel, also bitte nicht falsch verstehen, in jedem Land gibt es nun mal schwarze Schafe. Was Diebstähle oder Bedrohungen angeht, bin ich komplett verschont geblieben und habe auch nichts dergleichen bei anderen Freiwilligen oder Touristen mitbekommen.

Beim Einkaufen gilt generell: kein Preis ist fix, also handeln, was das Zeug hält. Die einzigen Ausnahmen bilden Restaurants und offizielle Supermärkte mit Preisschildern. Auch die Orangen und Wasser-Packs kosten immer gleich viel (ca. 4 Cent). Die Orangen bekommt man geschält, der "Deckel" wird geschnitten und dann wird die Orange gewissermaßen ausgesaugt. Beim Handeln muss man natürlich eine immense Geduld an den Tag legen, weil der Preis bei Weißen natürlich sehr viel höher angesetzt wird. Also keine Hemmungen, erstmal bei dem Sechstel des Preises mit dem Handeln anzufangen. Grundsätzlich muss man sagen, dass es keine Normen beim Handeln gibt und man somit nie weiß, ob man nun den Idealpreis raus gehandelt hat. Wenn man selbst aber mit dem Preis zufrieden ist, sollte man sich nicht weiter damit beschäftigen, ob man es womöglich noch billiger hätte kriegen können.

Die wichtigste Verhaltensnorm ist meiner Meinung nach das Benutzen der rechten Hand. Gegessen wird hier ja generell nur mit den Händen bzw. eben nur mit der rechten Hand. Gegrüßt wird ebenso nur mit der rechten Hand und Geld oder Ware darf auch nur mit rechts übergeben werden (die Ausnahme bildet ein essender Verkäufer. Da die rechte Hand voller Soße ist, ist es erlaubt, Rückgeld mit der linken Hand zu übergeben, auch wenn sie sich dafür mehrmals entschuldigen).
Über den Straßenverkehr, das Leben im Allgemeinen und dergleichen habe ich aber auch in früheren Mails schon berichtet, gerade die beiden letzten E-Mails aus Ghana sollte man sich durchlesen, um einen authentischen Eindruck vom Land und von den Leuten zu gewinnen.Tom mit Schulkindern

Nach meiner Einführungswoche ging ich dann die erste Woche abwechselnd in ein Waisenhaus und in eine Schule für Waisenkinder. Wir waren 4 Freiwillige und wollten uns dann aufteilen, sodass in beiden Institutionen jeweils 2 Freiwillige tätig sein konnten. Ich entschied mich für die Schule, wobei man sich dabei keine Schule im ursprünglichen Sinne vorstellen darf. Das Schulgebäude war ein nie zu Ende gebautes Haus, das weder Dach, noch Türen, noch Fenster hatte. Der Schulhof war noch voll mit Steinen und Hügeln, auch manche Baumaterialien wie Nägel und dergleichen lagen noch überall herum. Alles, was wir vom Direktor der Schule (ein herzensguter Mensch, vor dem ich nach wie vor sehr viel Achtung habe) anfangs gesagt bekamen, war: „Just teach them“. Mehr wurde uns nicht gesagt, also wurden wir wirklich ins kalte Wasser geworfen. Anfangs hatten wir ja auch keinerlei Materialien, d.h. es gab keine Bücher, Bilder, Stifte oder dergleichen. Das gab sich aufgrund verschiedener Freiwilligen dann mit der Zeit. Durch die ganzen Mitbringsel hatten wir am Ende eine Menge Bücher, Stifte, Farben, Scheren, Papier, Bastelpapier, Malbücher, Klebstifte usw. Das meiste davon hatte eine Freiwillige aus Amerika mitgebracht. Sie konnte aber aufgrund ihrer kurzen Zeit und ihrer Probleme mit der Klasse nicht allzu viel davon nutzen, was mir dann entgegenkam, da ich so eine Menge Materialien hatte. Die Kids und ich genossen das und bastelten, malten und schrieben, was das Zeug hielt! Wir haben kleine Schmuckboxen, Untersetzer, Blumen, Karten usw. gebastelt. Es war eine vollkommen neue Erfahrung für die Kids und ich bin froh, diese Momente mit ihnen geteilt zu haben. Sie wurden von mir in Englisch, Mathe und Geographie (ich hatte einen Globus, eine Welt-, eine Afrika- und eine Ghana-Karte organisiert) unterrichtet. Natürlich darf Spaß und Spiel nie zu kurz kommen und durch die absolute Unterstützung des Direktors hatte ich dahingehend auch jegliche Freiheiten.

Kinder am Strand Ein besonderes Highlight war natürlich unser Ausflug. Ich hatte eines Tages die Kinder gefragt, wer denn alles schon mal am Meer gewesen sei. Keines der Kinder war je am Meer gewesen, obwohl man mit dem Bus gerade einmal 15 Minuten zum Meer braucht. Aber natürlich wird das Geld dort für das Überleben aufgebracht und nicht für Freizeitaktivitäten. So beschloss ich einen Ausflug zu organisieren. Dank der Unterstützung meiner Gastfamilie klappte auch alles. Mit 30 Kindern zogen der Direktor und ich im angemieteten Minibus los. Es lief alles unglaublich glatt, was man in Ghana nicht immer erwarten kann. Der gemietete TroTro kam (pünktlich!!), das Essen war (rechtzeitig!!) fertig und die Kids alle total aufgeregt und in ihren besten Kleidern. Nachdem wir alle im TroTro verstaut hatten, ging es an den Strand. Dort verbrachten wir lange Zeit, da die Kids wirklich unglaublich viel Spaß hatten und es sichtlich genossen. Nach vielen Spielen, viel Geplantsche und Sand-Gewerfe brachten wir sie dazu, sich zu waschen und bereit zu machen für die Weiterreise. Danach besuchten wir das Arts Centre, was gerade für die Kids Neuland und dementsprechend interessant war.
Vom Arts Centre aus liefen wir zum Kwame Nkrumah Memorial Park, wo von uns nicht mal Eintritt verlangt wurde, nachdem wir erklärt hatten, dass wir ein Waisenhaus sind, und wurden nichtsdestotrotz überfreundlich herumgeführt und bekamen sogar eine Führung.

Ich schreibe das, um aufzuzeigen, dass man jegliche Unterstützung bekommt, wenn man Ideen oder Vorstellungen hat und man Dinge wirklich umsetzen kann.

Das Leben in der Schule und in der Familie war wirklich unglaublich angenehm und ich hab mich in meiner zweiten Familie richtig wohl gefühlt. Mit ein wenig Offenheit findet man viele Freunde auch außerhalb des Hauses. Mit der Familie und den anderen Freiwilligen hatte ich eine Menge Spaß, da man ja neben der Arbeit auch viel Freizeit und vor allem auch die Wochenenden zum Feiern und Reisen hat. Wir Freiwilligen waren eigentlich jedes Wochenende unterwegs und haben viel vom Land gesehen und hatten eine Menge Spaß. Besonders das Camping im Regenwald und dem damit verbunden 'Nightwalk', wo man eine Menge Tiere beobachten konnte und die Tour durch den Regenwald bei Sonnenaufgang bleiben unvergessliche Erlebnisse. Gefeiert haben wir natürlich auch viel, unsere Hausparties waren legendär und werden mir noch lange in Erinnerung bleiben. Wie man dem Text wohl anmerkt, könnte ich leicht in Schwärmereien verfallen, ich versuche, beim Wichtigsten zu bleiben.

Um das alltägliche Leben noch besser zu verstehen, empfehle ich, meine beiden letzten Mails aus Ghana zu lesen, weil ich dort schon sehr viel erklärt und berichtet habe. Natürlich spiegeln auch all die anderen Mails alltägliche Erlebnisse wider, die letzten beiden sind aber ein wenig allgemeiner und erklärender. Ich weiß, dass es viel Text ist und gerade wir Jungen springen ja gerne mal ins kalte Wasser ohne Vorbereitung, aber zumindest für so manches Elternteil ist es womöglich interessant. Und zur Beruhigung: Auch ohne intensive Vorbereitung auf Land, Leute, Gegebenheiten und Informationen über die Gastfamilie (ich wusste eigentlich kaum, was genau mich erwartet) läuft das alles ohne Probleme.

Schulkinder in Ghana
Abschließend bleibt mir nur zu sagen, dass es eine unvergessliche, unglaublich lehrreiche und spannende Erfahrung war und ich nie bereut habe, mich dafür entschieden zu haben. Ich werde mir mit der Zeit bewusst, dass ich trotz allen Lehrens von den Kindern in der Schule wohl mehr gelernt habe als sie von mir. Mein persönliche Horizont wurde erweitert und auch wenn man meint, dass man sich kaum verändert hat, weil man sich nie so anpassen musste, dass man sich selbst nicht treu geblieben wäre, so lernt man doch immens viel und sieht viele Dinge anders. Eine Erfahrung, die ich in meinem Leben und meiner Charakterbildung nicht missen möchte.

Ich möchte mich herzlichst bedanken bei allen Verantwortlichen, sowohl hier in Deutschland bei Global Volunteers als natürlich auch bei jenen in Ghana, die mir mit ihrer Herzlichkeit, ihrer Freundlichkeit und ihrem Engagement eine unvergessliche Zeit bereitet haben. Ich kann nur empfehlen, dieses Programm durchzuführen, es lohnt sich! Ich stehe jederzeit gerne für Fragen oder Beratungen zur Verfügung und würde mich freuen mit möglichen neuen Freiwilligen in Kontakt zu kommen, auch allein deswegen, um womöglich etwas nach Ghana mitzugeben. Ich hoffe, mein Bericht konnte helfen, einen Eindruck zu gewinnen. Ansonsten wünsche ich allen Freiwilligen - egal, wohin es gehen mag - eine unglaublich gute Zeit. Genießt es!

Kind im Living Water Children Centre Eine kleine Auswahl an Bildern findet ihr auf http://tom-vill.magix.net

Meine Mail-Adresse zur Kontaktaufnahme lautet: tom_villing@web.de

Herzlichste Grüße,

Tom Villing
Mai 2008

 

 

 

 

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letzte Überarbeitung: 27.12.2012