Mit 44 Jahren noch als Volontär nach Afrika?
Ich wollte immer schon nach Afrika! Mit 17 Jahren entstand der Traum von einer Zeit in Afrika. Ich habe immer mal wieder davon geträumt, viele Bücher gelesen, über "Stanley und Livingstone", vom "Kongofieber" über den "Weltensammler" und "Wassermusik" und viele Reiseberichte, die mir so in die Finger kamen. Erst als mein Sohn erwachsen wurde und selbst ein Jahr nach Thailand ging, sah ich meine (letzte?) Chance gekommen und ich meine Pläne wurden konkreter.
Da ich Sozialarbeiterin bin, habe ich lange darüber nachgedacht, ob es nicht sinnvoller wäre, einen "richtigen" Job zu suchen, aber ich suchte eine Möglichkeit, "nur für Kost und Logis" zu arbeiten und so Land und Leute kennen zu lernen, ich wollte nicht die Welt verändern, sondern sie und mich besser verstehen lernen.
Am 20. November 2010 bin ich nach einer etwas schwierigen Zeit in Ghana, wo ich die ersten Wochen meiner Afrika-Reise erlebt hatte, in Tansania, Kilimanjaro-Airport gelandet, immer noch voller Erwartungen und Vorfreude. Auf dem Flug von Ghana nach Tansania war mein Rucksack leider in Kairo hängen geblieben, aber schon ein wenig an den "african way of live" gewöhnt, machte mir das erstaunlich wenig aus.
"You will survive" beruhigte mich Michael am Flughafen, und diese Einstellung half mir die nächsten Monate erstaunlicherweise sehr, mit vielen Schwierigkeiten und Rätseln dieses Landes gut klar zu kommen.
In der "Msafri English Pre- and Primary Schools" in Kisangara, im district Mwanga, eine gute Stunde von Moshi entfernt, wurde ich sehr herzlich empfangen! Von Grace Mngara, der Leiterin der Schule und all den sehr, sehr netten Frauen und sisters, die immer und überall helfen und fegen und kochen und waschen und immerzu beschäftigt waren und von Graces' Bruder Michael, den wir auch in den Pare-Mountains besuchen durften.
Zwei Mädels aus München, die schon seit 3 Monaten dort waren, haben mir alles erklärt und gezeigt. Ich habe es sehr genossen, nicht alleine zu sein, und es schien überhaupt nicht zu stören, dass zwischen uns 20 Jahre lagen, wenn wir mit den Kindern spielten, den Hausberg bestiegen oder am Abend bei Stromausfall im Kerzenschein stundenlang quatschten über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der tansanischen Frauen und uns, unsere Freunde und ob wir uns nun in einen Afrikaner verlieben könnten oder nicht. Rückblickend denke ich, dass mir genau das geholfen hat, mich für das Land zu öffnen und den Zauber wirken zu lassen. Gemeinsam macht es einfach mehr Spaß, eine völlig unbekannte Sprache zu lernen, sich auf fremde Menschen und Gewohnheiten einzulassen und auch schwierige Situationen auszuhalten. Ich habe meine "Mit-Voluntierchen" vorher nicht gekannt, aber wir konnten uns gut aufeinander einstellen und aneinander gewöhnen, aber ohne Jemanden zum Reden wäre mir diese Zeit schwerer gefallen und längst nicht so bereichernd gewesen.
Ein großes Dankeschön also an alle, die diese Zeit mit mir zusammen erlebt haben.


Zwischendurch oder am Ende der Reise von einer guten Freundin besucht zu werden, eine Safari zu machen und Sansibar zu genießen, ist übrigens auch von unschätzbarem Wert!
Ich habe es von Anfang bis heute sehr bedauert, dass ich nicht besser Kisuaheli spreche! Vor meiner nächsten Reise werde ich das sicher nachholen! Es wäre so viel schöner gewesen, mich auch mit den Frauen unterhalten zu können, die jeden Tag dafür sorgten, dass ich mich wohl fühlte und zu essen hatte. Wie schön wäre es gewesen, mich mit "Bibi", Grace Mutter, mehr unterhalten zu können, als nur "Habari" – "Nzuri" und "Mambo" – "Poa" und dann "nur" noch ein wenig gemeinsam zu tanzen, weil unsere gemeinsamen Worte erschöpft waren.
Mit den Lehrern und Kindern klappte dagegen die Verständigung gut, denn die sprechen alle ganz gut Englisch, das ich inzwischen auch prima verstehen konnte. Mr. Msharo unterrichtete die Pre –School (Kinder von 4-6 Jahren) mit so viel Ausdauer und Geduld, dass ich sehr viel von ihm lernen konnte. Nach Absprache mit ihm war ich nach kurzer Zeit für die Fächer Kunst, Sport und Englisch zuständig, was mir sehr gut gefallen hat. Mit meiner Klasse habe ich zusammen gemalt, gebastelt, mit Luftballons gespielt, mit Seilchen gesprungen, Lieder gesungen und Bilder-Bücher angeschaut, so dass die Kinder jeden Tag ein paar Wörter mehr Englisch und ich Kisuaheli lernten.




"Gerald" entdeckte nach ein paar Tagen, dass ich die Frage, ob er auf die Toilette ("choo") gehen dürfe, auch auf Kisuaheli verstand. Also fragte er mich das so oft er konnte, grinste selig, wenn ich mit "Ndiyo" antwortete, rannte einmal um das Gebäude, um nach ein paar Minuten erneut zu fragen. Wenn der loslief, musste ich ihm immer hinterher schauen, denn es war so lustig zu sehen, wie er seine viel zu lange Hose festhielt und darunter diese kurzen Beinchen enorm schnell durch die Gegend flitzten.
So konnte ich Woche für Woche erleben, wie immer mehr Grenzen und Unterschiede verwischten, ich fühlte mich immer wohler, gehörte fast dazu. In den Pausen quatschte ich mit "teacher Peter" über Gemeinsamkeiten und Unterschiede in deutschen und afrikanischen Familien. Mit seiner Frau redete ich über Klamotten und Männer und ab und zu gingen wir zusammen ein Bier trinken…
Mit ein paar Kindern der 6. Klasse habe ich ein Theaterstück eingeübt, was sie dann an meinem letzten Abend aufgeführt haben, sehr schön und viel viel besser, als wir es je geübt hatten! Es war toll zu erleben, wie diese Kinder über sich hinaus wuchsen und wie ich mit ein paar netten Liedern und einem wunderschönen Kanga sehr herzlich verabschiedet wurde!
Die Schule versteht sich auch als Anbieter für Kulturtourismus, so dass wir immer mal wieder Gäste und Spender, die ein Kind aus der Schule unterstützen, aus aller Welt zu Besuch hatten. So waren wir Volunteers Begleiter zum Stausee, zu den Wasserfällen, zu einem Kräuter-Doktor oder zu der Sisal-Fabrik. Mit der Zeit fühlten wir uns schon als Kenner des tansanischen Schulsystems und konnten voller Stolz über "unsere" Schule berichten, die ich als sehr fortschrittlich in ihren Lehrmethoden erlebt habe, zumindest im Vergleich zu anderen afrikanischen Schulen.
Natürlich habe wir auch viel rumgesessen, nachmittags war es oft zu heiß, wir zu müde und eigentlich nicht so richtig was zu tun für uns. Wir mussten uns schon sehr zusammennehmen, um uns mit den Kindern zu beschäftigen, zum Schneider zu gehen oder sonst was zu unternehmen…
Wieder zu Hause ist mir klar, dass ich noch nie so viel Zeit gehabt habe, Zeit für mich, Zeit, einfach nur da zu sitzen, den Kilimanjaro zu bestaunen oder auf Sansibar das Meer oder/und mich des Lebens zu freuen. Das hat mir sehr gut getan! Wer sich vor seiner Reise nach Tansania etwas vorbereiten will, dem sei das Buch "Kulturschock – Tansania" von Daniela Eiletz-Kaube aus der Reihe "reise-know-how" sehr empfohlen. Ich habe dadurch viele vermeintliche Eigenarten und Verhaltensweisen viel besser verstanden und längst nicht mehr alles auf mich bezogen.
Kaum wieder in Deutschland mache ich "business as usual" und manchmal frage ich mich, ob ich überhaupt weg gewesen bin. Aber dann schau ich in meine e-mails und bin stolz und froh, wenn ich Post aus Tansania bekommen habe, es gibt Menschen auf der anderen Seite der Welt, die mich mögen und an mich denken.
Das Wichtigste, was ich in diesem halben Jahr in Afrika gelernt habe, ist, dass der Tag ein guter ist, an dem ich einem Menschen wirklich begegnet bin, ob deutsch, tansanisch, amerikanisch oder Massai, ist unwichtig. Das mag nichts Neues sein, es ist aber in einem fremden Land am Anfang sehr schwer, jeden Tag aufs Neue auf fremde Menschen zuzugehen, sprachliche Hindernisse in Kauf zu nehmen und auch auf die Gefahr hin lästig zu sein, immer wieder das Gespräch oder die Hilfe anzubieten, oder sich einfach nur dazu zu setzen!




Ich würde diese "Reise" für eine so lange Zeit immer wieder machen, manchmal denke ich, es war noch viel zu kurz, denn es dauert einfach ein paar Wochen, bis man wirklich ankommt in einem so fremden Land. Aber ich würde meine "Projekte", dort wo ich arbeiten will, sorgfältiger auswählen. Wichtig ist, dass man wirklich offen und herzlich aufgenommen wird und etwas sinnvolles, den eigenen Fähigkeiten entsprechendes zu tun hat, sonst kann die Zeit sehr lang werden …
Meine Zeit in Tansania war manchmal schwierig und langweilig, aber meistens sehr schön! Tansania ist ein unglaublich großes und vielfältiges Land. So unterschiedlich sind auch die Menschen dort. Von den Bergen über die Massai-Ebene an die Küste bis nach Sansibar und noch viel mehr …. Meine Reise ist noch lange nicht zu Ende, sie hat gerade erst begonnen! Ich werde noch oft nach Afrika reisen.
Regine Hermanns